... newer stories
Dienstag, 19. März 2013
Die Sommerzeit kommt ...
thomas-christian, 11:08h

Verflucht!
OK, der Flieger war bereits beim Start spät dran gewesen. Und unterwegs aufgeholt hat er genau Null Zeit. Verstehe ich ja irgendwie. Aber das jetzt die Immigration auch noch derart knallvoll sein muss! Wie Schafe in Laufgittern stehen die Ankommenden vor der Passkontrolle, manche gelangweilt, viele genervt, aber alle alternativlos in ihr Schicksal ergeben.
Nervös schaue ich auf meine Uhr. Wie stets habe ich sie bereits beim Abheben in Frankfurt auf Ortszeit umgestellt.
Der Anschlussflieger nach Mobile geht pünktlich in zwanzig Minuten auf die Runway. Selbst wenn ein Wunder geschehen würde, die Schlange vor mir löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Niemals! Dafür sorgen die Beamten der Immigration in Charlotte alleine schon durch die Abnahme der Fingerabdrücke! Das braucht alles ganz einfach viel zu lange!
Eine Ewigkeit vergeht.
So ein Mist!
Leise fluche ich in mich hinein. Noch fünfzehn Minuten bis zum Abheben meiner nächsten Maschine. Gefühlt habe ich in der Zwischenzeit keinen einzigen Meter an Boden gut gemacht.
Ich unterdrücke ein ausgiebiges Gähnen. Eigentlich mag ich diese Flüge in die USA, gen Westen. West is best, east is beast. Denn der Tag ist extrem lang und über den Wolken herrscht stets makelloser, blauer Himmel bei strahlendem Sonnenschein. Eben angenehm, mit der Zeit zu fliegen. Und wenn dann noch der Bordservice gut ist, dann lässt sich das Leben aushalten. Eigentlich.
Noch zehn Minuten bis zum Abheben des Anschlussfliegers! In Gedanken winke ich ihm bereits verträumt hinterher. Ein leichter Stoß von hinten. Kaum zu glauben, aber ich komme ein paar Schritte voran. Ein paar Schritte, wo Laufschritt angesagt wäre! Ich atme tief durch. Warte.
Jetzt hebt meine nächste Maschine gerade ab.
Und tschüss!
Ich sinke in mich zusammen. Jetzt ist der Rest auch egal. Vollkommen entspannt komme ich durch die Passkontrolle, scherze mit einem ausnahmsweise humorvoll veranlagten Beamten der Grenzkontrollen und hole meinen Koffer. Der Zoll möchte wieder einmal nichts von mir.
Mein nächster Weg führt mich zu einem Schalter der Fluggesellschaft. Ich fühle, wie ich langsam wieder auf Krawall gebürstet bin. Und dann: Ich fasse es nicht!
Schier ungläubig schaue ich diese Bedienstete an.
„I’ve been waitin’ for you, Sir.“
In freundlichem Tonfall erklärt sie mir unbeeindruckt, wo ich meinen Transport zu meinem Hotel für diese Nacht finde, welchen Flug sie morgen Früh bereits für mich gebucht und dass sie ein Taxi vom Hotel zurück zum Flughafen organisiert hat. Und wo ich noch ein anständiges Abendessen bekomme. Steaks. Kostet mich alles keinen Cent. Und unzumutbar süß sieht diese nette Airlineuniformierte auch noch aus!
„Sorry fort an early flight, Sir. But there is no other chance for tomorrow.“
Dieses Lächeln!
Verwirrt danke ich und ziehe von dannen.
Im Hotel gebe ich beim Einchecken den Auftrag, mich pünktlich um fünf Uhr zu wecken. Mein Flieger hebt um sieben ab, den will ich schließlich nicht auch noch verpassen. Langsam richtig müde werdend danke ich dem Mann an der Rezeption.
„You are welcome. I am happy to help, Sir!“
Ich weiß nicht warum, aber ich stutze und drehe mich noch einmal um. Ehrliches Grinsen auf dem Gesicht des Mannes, dominiert von strahlend weißen Zähnen im farbigen Gesicht.
„Have a good night, Sir!“
Die Nacht schlafe ich ausgezeichnet. Wie gesagt, west is best. Erst das Klingeln des Telefons weckt mich.
„Good morning, Sir. This is your wake-up call.”
Schlaftrunken sehe ich auf die Uhr. So ein Idiot! Die Anzeige verrät deutlich vier Uhr! Eine ganze Stunde zu früh! Ich sinke stöhnend auf mein Kopfkissen zurück. Penner!
Wieder dieses Telefon!
„Sir! The driver is waiting for you down here!”
Kann in diesem elenden Land denn niemand die Uhr lesen, verdammt?
„What’s the time?“
Meine Stimme klingt brüchig um diese Uhrzeit, klingt dadurch unfreundlich.
„Ten to six, Sir. We changed to daylight saving time last night.”
Schlagartig bin ich hellwach! Fuck! Die haben hier letzte Nacht die Uhren auf Sommerzeit umgestellt, während ich selig geschlafen habe!
Auf die Dusche verzichte ich, springe in meine Klamotten, haste runter, keine Zeit für mein geliebtes amerikanisches Frühstück, schmeiße mich in das Taxi. Den Flug bekomme ich gerade noch …
Warum erzähle ich diese Geschichte?
Ein paar Tage später reise ich nach Deutschland zurück. Gerade rechtzeitig, um an dem Umstellen der Uhren auf Sommerzeit teilnehmen zu dürfen. Zum zweiten Mal in diesem Frühjahr. Im Herbst mache ich die Umstellung auf Normalzeit mit. Einmal. In Deutschland.
Was mich jedes Jahr erneut im Frühjahr bei Umstellung der Uhren umtreibt ist die Frage, habe ich durch die doppelte Sommerzeitumstellung im Frühjahr und nur einfache Zurückstellung im Herbst eine Stunde meines Lebens verloren?
Schulden die Amerikaner mir eine Stunde Lebenszeit?
Kann ich die Herausgabe dieser Stunde verlangen?
Kann ich vielleicht sogar Zeitzinsen verlangen?
Wenn ja, wie viel?
Und vor allem, was würde ich mit dieser ungeahnt gewonnenen Zeit anstellen?
Fragen …
Liebe Grüße,
Thomas
... link (0 Kommentare) ... comment
... older stories