Donnerstag, 21. März 2013
Amerikanische Ausmaße ...



„Ich fasse es nicht!“

Wutschnaubend stemmt er sich aus dem Sessel hinter dem Schreibtisch hoch und stützt seine Arme auf die Mahagoniplatte. Seine Gesichtsfarbe nimmt ein bedrohliches Bordeauxrot an, was mit Sicherheit nicht an der Raumtemperatur liegt. Soweit ist das auch seinem Gesprächspartner klar.

„So einen Unfug habe ich ja noch nie gehört! Sie etwa?“

„Nein, ist aber so.“

Die Antwort klang beinahe trotzig, nicht unbedingt eines hochdotierten Anwaltes würdig. Aber selbst der abgezockteste Jurist kann schwerlich cool bleiben, wenn dieser Geschäftsführer der Brauerei AG wie ein menschlich gewordener Racheengel um seinen Schreibtisch kurvt, direkt auf ihn zu.

„Und das soll ich etwa so hinnehmen? Einfach so? Ohne Gegenwehr?“

Abrupt bleibt der Geschäftsführer vor dem Juristen in dem Besuchersessel stehen. Beide Hände fuchteln echauffiert in der Luft herum.

„Das glaube ich nicht! Diese miese kleine Type in Amiland kann uns hier in Deutschland derart bei den Eiern packen, ohne dass wir etwas dagegen tun können? Ist das wirklich so?“

Der Jurist zuckt mit den Schultern.

„Ich schlage hier nie mit halbgaren Sachen auf. Das müssten Sie eigentlich wissen. Natürlich haben wir den Sachverhalt geprüft!“

Zur Antwort ein hämisches Grinsen.

„Geprüft und für zu leicht befunden, würde ich sagen!“

Erneutes Schulterzucken.

„Es ist so. Dieser Kerl in Fort Worth in Texas war abends in der Kneipe. Einen saufen, wie sein Anwalt sagt. Hatte wohl Stress in seinem Job und mit seiner Frau, oder so, wollte“ …

„Sagen Sie mir nicht, wenn seine Alte ihn an diesem Abend rangelassen hätte, dann wäre der ganze Mist nicht passiert!“

„Keine Ahnung, kann aber so sein.“

Der Geschäftsführer lässt sich schwer in den anderen Besuchersessel fallen. Seine Augen verdrehen sich vielsagend zur Decke. Halblaut, mehr wie in einem Selbstgespräch:

„Hätte seine Olle nicht an einem anderen Abend rumzicken können?“

„Hat sie aber nicht. Jedenfalls ist unser Mann abends in jene besagte Kneipe, Kummer ertränken nach Lage der Dinge. In dieser Kneipe werden zwanzig Sorten Bier am Hahn ausgeschenkt, also frisch gezapft.“

„Und? Was haben wir damit zu tun?“

„Unser Bier ist da auch ‚on tap’, wie die Amis sagen. Unser Bier eben auch.“

Nachdenkliche Gesprächspause. Schüchtern klopft es an der Tür und die Sekretärin steckt vorsichtig ihren hübschen Kopf zur Tür herein.

„Jetzt nicht!“ bellt der Geschäftsführer ohne aufzusehen. Schnell verschwindet der Kopf wieder.

„Noch einmal, was haben wir damit zu tun?“

„Der Texaner säuft sich durch weiß Gott wie viele Biersorten und Marken an diesem Abend. Er lässt sich so richtig volllaufen, bis zum Stehkragen. Und einen mehr.“

Verständnisvolles Grinsen.

„Manchmal braucht ein Mann das eben!“

„Sei ihm ja gegönnt, vom Prinzip her. Das Lokal verlässt er jedenfalls in absoluter Schräglage, stolpert beim Rausgehen und rauscht lang hin, schießt dann die fünf Stufen zur Straße kopfüber runter. Ergebnis, mit seiner Suffbirne hat er sich die linke Schulter gebrochen, zwei Finger der rechten Hand verrenkt und drei Rippen geprellt. Insgesamt drei Tage Krankenhaus und vier Wochen krank geschrieben.“

„Mann, noch nicht einmal gepflegt aufs Maul legen können sich die Amis!“

„Ist egal, ob sie das können oder nicht. Unser Mann jedenfalls macht geltend, dass er vor dem Beginn seines feierlichen Umtrunks und anschließenden öffentlichen Besäufnisses hätte von den Anbietern des Alkohols, also auch von uns, aufgeklärt werden müssen, welche Folgen der Konsum von Alkohol haben kann.“

„Ist der bescheuert? Das weiß doch jedes Kind! Selbst in Amiland! Und wie hätten wir ihm das auch vorher sagen sollen? Etwas mit einem Beipackzettel? Soll er doch den Wirt verklagen, wenn der ihm nicht gesteckt hat, dass Alkohol besoffen macht! Idiot, dieser!“

„Das ist nicht der Punkt.“

Erstaunen.

„Nein? Was ist denn der Punkt?“

„Der Kerl kann sich nicht mehr erinnern, welche Biere er in sich hineingeschüttet hat.“

„Filmriss? Dann hat sich das Besäufnis wenigstens für ihn gelohnt!“

„Kann man so sehen, ja. Filmriss.“

„Ist doch gut für uns, oder?“

„Nicht wirklich. Er hat deswegen alle zwanzig Anbieter der ‚on tap’ Biere verklagt.“

„Gott, die Geschichte wird ja immer bekloppter!“

„Das Beste kommt noch. Pro Anbieter hat er Klage eingereicht auf Zahlung einer Summe von fünfzigtausend Dollar. Also zwanzig mal fünfzigtausend Dollar. Macht nach Adam Riese eine runde Million Dollar.“

Die Luft im Raum wird stickig. Der Geschäftsführer zerrt sich die Krawatte vom Hals.

„Wir sollen dem -censored- fünfzigtausend Dollar zahlen, weil er sich nicht mehr erinnern kann, welches Bier er getrunken hat? Ist der vollkommen unterbelichtet?“

„Er vielleicht ja, sein Anwalt aber garantiert nicht. Wir werden beantragen, die Klage abzuweisen. Die Wahrscheinlichkeit unseres Erfolges beträgt fünfundneunzig Prozent.“

Erleichterung.

„Na, dann mal los! Worauf warten Sie denn noch? Treten Sie dem Kerl kräftig in den Arsch!“

Kurzes Überlegen.

„Die Sache ist so. In den USA trägt jede Partei bei einem Streit vor Gericht beinahe alle Kosten selber, auch im Falle des Obsiegens. Wir werden also auf unseren Kosten hängen bleiben. Zumindest die Anwaltskosten in den USA und einem Teil der Gerichtskosten. Summa summarum gute fünfundzwanzig tausend Dollar.“

„Wie? Auch wenn wir gewinnen, kostet es mich immer noch diesen stattlichen Betrag?“

„Genau.“

„Glaube ich nicht!“

„Das hatten wir schon. Ist aber so.“

Eine weitere Gesprächspause.

„Und warum ist der Anwalt dieses Kerls nun gerissen? Verstehe ich nicht!“

„Der Anwalt weiß natürlich auch, dass selbst in den USA die Richter nicht so dämlich sind, seinem Mandanten Recht zu geben. Darum hat er uns einen außergerichtlichen Vergleich angeboten. Wir zahlen ohne Anerkennung einer Rechtspflicht fünfzehntausend Dollar an den Texaner und im Gegenzuge lässt der seine Klage gegen uns fallen.“

„Dann kriegt er aber nicht seine geforderten fünfzigtausend.“

„Die kriegt er ohnehin nicht. Aber für uns wird es zehntausend Dollar billiger. Statt fünfundzwanzig tausend Dollar Rechtskosten hätten wir nur fünfzehntausend Dollar nützliche Aufwendungen. Können Sie sicher als Marketingaufwendung auch noch von den Steuern absetzen.“

Pause.

„Heilige -censored- !“

„Die Sache ist so. Sie können aus Prinzip den Kerl an die Wand nageln. Kein Problem. Kostet Sie schlappe fünfundzwanzigtausend Dollar. Oder Sie sagen, leck’ mich, ich lege fünfzehntausend Dollar auf den Tisch des Hauses und freue mich, zehntausend Dollar gespart zu haben.“

„Beides große Scheiße!“

„Unbestritten.“

„Und? Was raten Sie mir?“

„Geld sparen, natürlich! Zahlen Sie dem -censored- zehntausend Dollar und gut ist.“



Auf diese Art trommelt der mit allen Wassern gewaschene Anwalt eines Gelegenheitstrinkers in Fort Worth / Texas insgesamt zweihundertfünfzigtausend Dollar für seinen Mandanten zusammen, die Hälfte davon als sein Honorar. Eine wahre Geschichte …


Herzliche Grüße,
Thomas

P.S.: Da die Geschichte in ihrem Wahrheitsgehalt getreu wiedergegeben wurde, bitte ich die censored’s zu entschuldigen …

P.S.: Die Eingangsaufnahme habe ich im „White Elephant“ in Fort Worth, TX, gemacht. Dem ältesten Saloon in den USA …

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