Samstag, 23. März 2013
Das "Paradoxon des sauberen Erfolges" - eine kleine Geschichte dazu ...
thomas-christian, 16:42h

Möge sich die geneigte Leserin, der geneigte Leser, der Einfachheit halber im Folgenden mit „Du“ angesprochen, dieses vorstellen:
Ein kleiner Ort. Sagen wir einmal 20.000 Einwohner. Auf der Landkarte irgendwo in der Mitte von nirgendwo. Ein bisschen Industrie, dezenter Handel, ein Gymnasium, eine langsam aussterbende Fußgängerzone, kein Theater, kein Kino, dazu ein paar Bauernhöfe vor den Toren der Stadt.
Du lebst hier als Verwaltungsfachangestellte(r). Engagiert. Bist Schriftführer(in) im Turnverein, Vorsitzende(r) im Schützenverein, Kassenwart(in) im Kegelclub „Alle Neune“, triffst Dich regelmäßig mit Freunden zum Wein in Jupp’s Schenke und Dein Ehrgeiz besteht darin, eines Tages Amtsleiter(in) in diesem Städtchen zu werden. Und Du besitzt ein kleines Häuschen mit einem Kamin, den Du zur Weihnachtszeit und bei Bedarf bis Ende März kräftig mit Holzscheiten fütterst. Am liebsten, wenn Du das Holz günstig geschossen hast. Am allerliebsten, wenn es geschenkt ist. Ist ja verständlich.
So weit, so gut.
Diesen Winter triffst Du zufällig bei Deinem Sonntagsspaziergang vor den Toren jener besagten kleinen Stadt einen dort ansässigen Landwirt. Ihr kommt ins Gespräch und philosophiert über Gott, seinen Stellvertreter auf Erden, die große Politik und das Wetter. Und darüber, dass dieser Winter so richtig kalt und schneereich ist. Aber so richtig.
Das ist Dein Stichwort.
„Sagen Sie einmal, Herr Landwirt, haben Sie Kaminholz günstig abzugeben? Ich haue jeden Winter so gute zehn Raummeter klimaneutral durch den Schornstein und bin ständig auf der Suche nach Holz.“
Der besagte Landwirt nimmt die Schiebermütze ab, sieht eine Weile auf seinen am Feldrand abgestellten Deutz, kratzt sich dabei nachdenklich das Haupthaar, antwortet nach einer gefühlten Ewigkeit, in der Deine Füße zu Eisklumpen gefrieren, langsam und gedehnt:
„Tjaaaa, also günstig soll et sinn.“
Pause.
„Ick hab da noch een Fuder Wurzelholz von letztem Sommer hinterm Haus liegen, rechts vor der Tenne. Iss nich so besonders wertvoll, weil schlecht klein zu machen, brennt aber wie Döppken. Dat könnse so haben, für lau, müssen et nur holen. Dann hab ick dat endlich unter die Füße wech.“
Du freust Dich und bist einverstanden.
Mit dem kleinen Städtchen droht es weiter bergab zu gehen. Die Jugend wandert mehr denn je unverzagt ab, Geschäfte schließen und lassen hässlich verklebte Schaufenster zurück, zwei weitere Betriebe machen Pleite. Das ortsansässige Jobcenter erfreut sich regen Zulaufs.
Die Wahl des Bürgermeisters steht an, der nach der letzten Verwaltungsreform in persona auch der Stadtdirektor ist. Entnervt von dem bisherigen Amtsinhaber bewirbst Du Dich als parteiloser Kandidat um das Amt. Was der konnte, das kannst Du schon lange! Und mit Deinem Fachwissen aus Verwaltung und Politik bist Du unschlagbar! Glaubst Du.
Zu Recht, wie sich herausstellt. Dein Netzwerk arbeitet reibungslos. Die kommunalwahlberechtigten Mitglieder des Turnvereins stimmen geschlossen für Dich, ebenso Kegelclub und Schützenverein. Dazu Deine gesamten sonstigen Bekannten und Verwandten. Sogar auf facebook wird eine Kampagne für Dich inszeniert. Mit absoluter Mehrheit ziehst Du in das Amt ein.
Gratuliere!
Du bist der neue Bürgermeister! Respektive, die neue Bürgermeisterin!
Deine Wähler sind zufrieden mit Dir. Du schaffst es tatsächlich in kürzester Zeit, den Verfall des kleinen Städtchens zu stoppen, neue Industrie anzusiedeln, den Handel zu beleben, das kulturelle Leben zu erneuern. Es geht wieder steil bergauf! Die Menschen hier sind stolz auf Dich und freuen sich, wenn sie Dir in der frisch renovierten Fußgängerzone begegnen.
In der Verwaltung läuft alles wie am Schnürchen. Du bist schließlich alter Hase in diesen Dingen. Routineaufgaben schaffst Du mit links, den Rest mit Bravour. Es ist Dienstag.
„Da habe ich einen Antrag, Herr / Frau Bürgermeister(in). Der Antragsteller möchte gerne ein Wegerecht auf städtischem Grund eingeräumt haben. Darauf hat er eigentlich sogar rechtlichen Anspruch. Die Juristen haben das geprüft. Ich schlage vor, Sie unterschreiben den positiven Bescheid.“
Gesagt, getan. Der Mann bekommt sein Wegerecht. Du verlässt Dich auf Deinen Amtsleiter. Warum auch nicht. Schließlich ist das ein aufrichtiger und erfahrener Mann.
Es wird Freitag. Aufregung herrscht im Amt. Deine Sekretärin klingt verunsichert. Beinahe verängstigt.
„Haben Sie heute schon die Zeitung gelesen?“
Hast Du noch nicht. Du setzt Dich an Deinen Schreibtisch, schlägst das Tageblatt auf.
„Dann wollen wir mal sehen, was heute in der Zeitung steht.“
Dich trifft der Schlag. Ungläubig liest Du laut.
„Korruption und kein Ende in Sicht – bislang kannten wir Amigoaffären nur aus der Großpolitik. Aber nun hat uns die Korruption auch hier bei uns eingeholt. Bauer erhält von der Stadt umstrittenes Wegerecht gegen Lieferung von Kaminholz an den Bürgermeister / die Bürgermeisterin. Skandal!“ …
Du liest nicht weiter. Es platzt aus Dir heraus.
„Kein Wort von wahr!“
Jetzt geht der Rummel los. Die Presse steht vor der Tür. Deine Stellungnahme ist gefragt. Aber alles, was Du sagst, klingt nach Verteidigung. In Gedanken siehst Du die nächste Schlagzeile:
„Wer sich so verteidigt, der klagt sich an!“
Und plötzlich werden Deine vormals erfreut registrierten Entscheidungen zu Gunsten des Turnvereins beim Bau der neuen Sporthalle kritisch in das Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Neue Schlagzeile:
„Amigoaffäre macht nicht vor Gesundheitsförderung halt!“
Und Deine umjubelte Ansiedelung des neuen Industriebetriebes, der fünfzig neue Arbeitsplätze und jede Menge Steuern brachte. Der Kontakt zu diesem Unternehmen war damals, Gott sei Dank, über drei Ecken irgendwelcher Bekannten von Dir gekommen. Neue Schlagzeile:
„Perfekt funktionierende alte Seilschaften – was steckt dahinter?“
Und dann:
„Unerträglich - Wie lange will sich der Bürgermeister / die Bürgermeisterin noch an diesen Stuhl klammern?“
Die Leute sehen neuerdings zur Seite, wenn Du ihnen in der chicken, neuen Fußgängerzone begegnest. Auch die, denen Du zu einem neuen Job mit der Ansiedelung des Industriebetriebes verholfen hast, der Vorsitzende des Turnvereins, der jetzt Spitzenturner zu Landesmeisterschaften schickt und vor Stolz kaum mehr gehen kann, der Malermeister, der die neu entstandenen Geschäfte renoviert …
Herzliche Grüße,
Thomas
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