Samstag, 23. März 2013
Das "Paradoxon des sauberen Erfolges" - eine kleine Geschichte dazu ...


Möge sich die geneigte Leserin, der geneigte Leser, der Einfachheit halber im Folgenden mit „Du“ angesprochen, dieses vorstellen:

Ein kleiner Ort. Sagen wir einmal 20.000 Einwohner. Auf der Landkarte irgendwo in der Mitte von nirgendwo. Ein bisschen Industrie, dezenter Handel, ein Gymnasium, eine langsam aussterbende Fußgängerzone, kein Theater, kein Kino, dazu ein paar Bauernhöfe vor den Toren der Stadt.

Du lebst hier als Verwaltungsfachangestellte(r). Engagiert. Bist Schriftführer(in) im Turnverein, Vorsitzende(r) im Schützenverein, Kassenwart(in) im Kegelclub „Alle Neune“, triffst Dich regelmäßig mit Freunden zum Wein in Jupp’s Schenke und Dein Ehrgeiz besteht darin, eines Tages Amtsleiter(in) in diesem Städtchen zu werden. Und Du besitzt ein kleines Häuschen mit einem Kamin, den Du zur Weihnachtszeit und bei Bedarf bis Ende März kräftig mit Holzscheiten fütterst. Am liebsten, wenn Du das Holz günstig geschossen hast. Am allerliebsten, wenn es geschenkt ist. Ist ja verständlich.

So weit, so gut.

Diesen Winter triffst Du zufällig bei Deinem Sonntagsspaziergang vor den Toren jener besagten kleinen Stadt einen dort ansässigen Landwirt. Ihr kommt ins Gespräch und philosophiert über Gott, seinen Stellvertreter auf Erden, die große Politik und das Wetter. Und darüber, dass dieser Winter so richtig kalt und schneereich ist. Aber so richtig.

Das ist Dein Stichwort.

„Sagen Sie einmal, Herr Landwirt, haben Sie Kaminholz günstig abzugeben? Ich haue jeden Winter so gute zehn Raummeter klimaneutral durch den Schornstein und bin ständig auf der Suche nach Holz.“

Der besagte Landwirt nimmt die Schiebermütze ab, sieht eine Weile auf seinen am Feldrand abgestellten Deutz, kratzt sich dabei nachdenklich das Haupthaar, antwortet nach einer gefühlten Ewigkeit, in der Deine Füße zu Eisklumpen gefrieren, langsam und gedehnt:

„Tjaaaa, also günstig soll et sinn.“

Pause.

„Ick hab da noch een Fuder Wurzelholz von letztem Sommer hinterm Haus liegen, rechts vor der Tenne. Iss nich so besonders wertvoll, weil schlecht klein zu machen, brennt aber wie Döppken. Dat könnse so haben, für lau, müssen et nur holen. Dann hab ick dat endlich unter die Füße wech.“

Du freust Dich und bist einverstanden.

Mit dem kleinen Städtchen droht es weiter bergab zu gehen. Die Jugend wandert mehr denn je unverzagt ab, Geschäfte schließen und lassen hässlich verklebte Schaufenster zurück, zwei weitere Betriebe machen Pleite. Das ortsansässige Jobcenter erfreut sich regen Zulaufs.

Die Wahl des Bürgermeisters steht an, der nach der letzten Verwaltungsreform in persona auch der Stadtdirektor ist. Entnervt von dem bisherigen Amtsinhaber bewirbst Du Dich als parteiloser Kandidat um das Amt. Was der konnte, das kannst Du schon lange! Und mit Deinem Fachwissen aus Verwaltung und Politik bist Du unschlagbar! Glaubst Du.

Zu Recht, wie sich herausstellt. Dein Netzwerk arbeitet reibungslos. Die kommunalwahlberechtigten Mitglieder des Turnvereins stimmen geschlossen für Dich, ebenso Kegelclub und Schützenverein. Dazu Deine gesamten sonstigen Bekannten und Verwandten. Sogar auf facebook wird eine Kampagne für Dich inszeniert. Mit absoluter Mehrheit ziehst Du in das Amt ein.

Gratuliere!

Du bist der neue Bürgermeister! Respektive, die neue Bürgermeisterin!

Deine Wähler sind zufrieden mit Dir. Du schaffst es tatsächlich in kürzester Zeit, den Verfall des kleinen Städtchens zu stoppen, neue Industrie anzusiedeln, den Handel zu beleben, das kulturelle Leben zu erneuern. Es geht wieder steil bergauf! Die Menschen hier sind stolz auf Dich und freuen sich, wenn sie Dir in der frisch renovierten Fußgängerzone begegnen.

In der Verwaltung läuft alles wie am Schnürchen. Du bist schließlich alter Hase in diesen Dingen. Routineaufgaben schaffst Du mit links, den Rest mit Bravour. Es ist Dienstag.

„Da habe ich einen Antrag, Herr / Frau Bürgermeister(in). Der Antragsteller möchte gerne ein Wegerecht auf städtischem Grund eingeräumt haben. Darauf hat er eigentlich sogar rechtlichen Anspruch. Die Juristen haben das geprüft. Ich schlage vor, Sie unterschreiben den positiven Bescheid.“

Gesagt, getan. Der Mann bekommt sein Wegerecht. Du verlässt Dich auf Deinen Amtsleiter. Warum auch nicht. Schließlich ist das ein aufrichtiger und erfahrener Mann.

Es wird Freitag. Aufregung herrscht im Amt. Deine Sekretärin klingt verunsichert. Beinahe verängstigt.

„Haben Sie heute schon die Zeitung gelesen?“

Hast Du noch nicht. Du setzt Dich an Deinen Schreibtisch, schlägst das Tageblatt auf.

„Dann wollen wir mal sehen, was heute in der Zeitung steht.“

Dich trifft der Schlag. Ungläubig liest Du laut.

„Korruption und kein Ende in Sicht – bislang kannten wir Amigoaffären nur aus der Großpolitik. Aber nun hat uns die Korruption auch hier bei uns eingeholt. Bauer erhält von der Stadt umstrittenes Wegerecht gegen Lieferung von Kaminholz an den Bürgermeister / die Bürgermeisterin. Skandal!“ …

Du liest nicht weiter. Es platzt aus Dir heraus.

„Kein Wort von wahr!“

Jetzt geht der Rummel los. Die Presse steht vor der Tür. Deine Stellungnahme ist gefragt. Aber alles, was Du sagst, klingt nach Verteidigung. In Gedanken siehst Du die nächste Schlagzeile:

„Wer sich so verteidigt, der klagt sich an!“

Und plötzlich werden Deine vormals erfreut registrierten Entscheidungen zu Gunsten des Turnvereins beim Bau der neuen Sporthalle kritisch in das Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Neue Schlagzeile:

„Amigoaffäre macht nicht vor Gesundheitsförderung halt!“

Und Deine umjubelte Ansiedelung des neuen Industriebetriebes, der fünfzig neue Arbeitsplätze und jede Menge Steuern brachte. Der Kontakt zu diesem Unternehmen war damals, Gott sei Dank, über drei Ecken irgendwelcher Bekannten von Dir gekommen. Neue Schlagzeile:

„Perfekt funktionierende alte Seilschaften – was steckt dahinter?“

Und dann:

„Unerträglich - Wie lange will sich der Bürgermeister / die Bürgermeisterin noch an diesen Stuhl klammern?“

Die Leute sehen neuerdings zur Seite, wenn Du ihnen in der chicken, neuen Fußgängerzone begegnest. Auch die, denen Du zu einem neuen Job mit der Ansiedelung des Industriebetriebes verholfen hast, der Vorsitzende des Turnvereins, der jetzt Spitzenturner zu Landesmeisterschaften schickt und vor Stolz kaum mehr gehen kann, der Malermeister, der die neu entstandenen Geschäfte renoviert …


Herzliche Grüße,
Thomas

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Donnerstag, 21. März 2013
Amerikanische Ausmaße ...



„Ich fasse es nicht!“

Wutschnaubend stemmt er sich aus dem Sessel hinter dem Schreibtisch hoch und stützt seine Arme auf die Mahagoniplatte. Seine Gesichtsfarbe nimmt ein bedrohliches Bordeauxrot an, was mit Sicherheit nicht an der Raumtemperatur liegt. Soweit ist das auch seinem Gesprächspartner klar.

„So einen Unfug habe ich ja noch nie gehört! Sie etwa?“

„Nein, ist aber so.“

Die Antwort klang beinahe trotzig, nicht unbedingt eines hochdotierten Anwaltes würdig. Aber selbst der abgezockteste Jurist kann schwerlich cool bleiben, wenn dieser Geschäftsführer der Brauerei AG wie ein menschlich gewordener Racheengel um seinen Schreibtisch kurvt, direkt auf ihn zu.

„Und das soll ich etwa so hinnehmen? Einfach so? Ohne Gegenwehr?“

Abrupt bleibt der Geschäftsführer vor dem Juristen in dem Besuchersessel stehen. Beide Hände fuchteln echauffiert in der Luft herum.

„Das glaube ich nicht! Diese miese kleine Type in Amiland kann uns hier in Deutschland derart bei den Eiern packen, ohne dass wir etwas dagegen tun können? Ist das wirklich so?“

Der Jurist zuckt mit den Schultern.

„Ich schlage hier nie mit halbgaren Sachen auf. Das müssten Sie eigentlich wissen. Natürlich haben wir den Sachverhalt geprüft!“

Zur Antwort ein hämisches Grinsen.

„Geprüft und für zu leicht befunden, würde ich sagen!“

Erneutes Schulterzucken.

„Es ist so. Dieser Kerl in Fort Worth in Texas war abends in der Kneipe. Einen saufen, wie sein Anwalt sagt. Hatte wohl Stress in seinem Job und mit seiner Frau, oder so, wollte“ …

„Sagen Sie mir nicht, wenn seine Alte ihn an diesem Abend rangelassen hätte, dann wäre der ganze Mist nicht passiert!“

„Keine Ahnung, kann aber so sein.“

Der Geschäftsführer lässt sich schwer in den anderen Besuchersessel fallen. Seine Augen verdrehen sich vielsagend zur Decke. Halblaut, mehr wie in einem Selbstgespräch:

„Hätte seine Olle nicht an einem anderen Abend rumzicken können?“

„Hat sie aber nicht. Jedenfalls ist unser Mann abends in jene besagte Kneipe, Kummer ertränken nach Lage der Dinge. In dieser Kneipe werden zwanzig Sorten Bier am Hahn ausgeschenkt, also frisch gezapft.“

„Und? Was haben wir damit zu tun?“

„Unser Bier ist da auch ‚on tap’, wie die Amis sagen. Unser Bier eben auch.“

Nachdenkliche Gesprächspause. Schüchtern klopft es an der Tür und die Sekretärin steckt vorsichtig ihren hübschen Kopf zur Tür herein.

„Jetzt nicht!“ bellt der Geschäftsführer ohne aufzusehen. Schnell verschwindet der Kopf wieder.

„Noch einmal, was haben wir damit zu tun?“

„Der Texaner säuft sich durch weiß Gott wie viele Biersorten und Marken an diesem Abend. Er lässt sich so richtig volllaufen, bis zum Stehkragen. Und einen mehr.“

Verständnisvolles Grinsen.

„Manchmal braucht ein Mann das eben!“

„Sei ihm ja gegönnt, vom Prinzip her. Das Lokal verlässt er jedenfalls in absoluter Schräglage, stolpert beim Rausgehen und rauscht lang hin, schießt dann die fünf Stufen zur Straße kopfüber runter. Ergebnis, mit seiner Suffbirne hat er sich die linke Schulter gebrochen, zwei Finger der rechten Hand verrenkt und drei Rippen geprellt. Insgesamt drei Tage Krankenhaus und vier Wochen krank geschrieben.“

„Mann, noch nicht einmal gepflegt aufs Maul legen können sich die Amis!“

„Ist egal, ob sie das können oder nicht. Unser Mann jedenfalls macht geltend, dass er vor dem Beginn seines feierlichen Umtrunks und anschließenden öffentlichen Besäufnisses hätte von den Anbietern des Alkohols, also auch von uns, aufgeklärt werden müssen, welche Folgen der Konsum von Alkohol haben kann.“

„Ist der bescheuert? Das weiß doch jedes Kind! Selbst in Amiland! Und wie hätten wir ihm das auch vorher sagen sollen? Etwas mit einem Beipackzettel? Soll er doch den Wirt verklagen, wenn der ihm nicht gesteckt hat, dass Alkohol besoffen macht! Idiot, dieser!“

„Das ist nicht der Punkt.“

Erstaunen.

„Nein? Was ist denn der Punkt?“

„Der Kerl kann sich nicht mehr erinnern, welche Biere er in sich hineingeschüttet hat.“

„Filmriss? Dann hat sich das Besäufnis wenigstens für ihn gelohnt!“

„Kann man so sehen, ja. Filmriss.“

„Ist doch gut für uns, oder?“

„Nicht wirklich. Er hat deswegen alle zwanzig Anbieter der ‚on tap’ Biere verklagt.“

„Gott, die Geschichte wird ja immer bekloppter!“

„Das Beste kommt noch. Pro Anbieter hat er Klage eingereicht auf Zahlung einer Summe von fünfzigtausend Dollar. Also zwanzig mal fünfzigtausend Dollar. Macht nach Adam Riese eine runde Million Dollar.“

Die Luft im Raum wird stickig. Der Geschäftsführer zerrt sich die Krawatte vom Hals.

„Wir sollen dem -censored- fünfzigtausend Dollar zahlen, weil er sich nicht mehr erinnern kann, welches Bier er getrunken hat? Ist der vollkommen unterbelichtet?“

„Er vielleicht ja, sein Anwalt aber garantiert nicht. Wir werden beantragen, die Klage abzuweisen. Die Wahrscheinlichkeit unseres Erfolges beträgt fünfundneunzig Prozent.“

Erleichterung.

„Na, dann mal los! Worauf warten Sie denn noch? Treten Sie dem Kerl kräftig in den Arsch!“

Kurzes Überlegen.

„Die Sache ist so. In den USA trägt jede Partei bei einem Streit vor Gericht beinahe alle Kosten selber, auch im Falle des Obsiegens. Wir werden also auf unseren Kosten hängen bleiben. Zumindest die Anwaltskosten in den USA und einem Teil der Gerichtskosten. Summa summarum gute fünfundzwanzig tausend Dollar.“

„Wie? Auch wenn wir gewinnen, kostet es mich immer noch diesen stattlichen Betrag?“

„Genau.“

„Glaube ich nicht!“

„Das hatten wir schon. Ist aber so.“

Eine weitere Gesprächspause.

„Und warum ist der Anwalt dieses Kerls nun gerissen? Verstehe ich nicht!“

„Der Anwalt weiß natürlich auch, dass selbst in den USA die Richter nicht so dämlich sind, seinem Mandanten Recht zu geben. Darum hat er uns einen außergerichtlichen Vergleich angeboten. Wir zahlen ohne Anerkennung einer Rechtspflicht fünfzehntausend Dollar an den Texaner und im Gegenzuge lässt der seine Klage gegen uns fallen.“

„Dann kriegt er aber nicht seine geforderten fünfzigtausend.“

„Die kriegt er ohnehin nicht. Aber für uns wird es zehntausend Dollar billiger. Statt fünfundzwanzig tausend Dollar Rechtskosten hätten wir nur fünfzehntausend Dollar nützliche Aufwendungen. Können Sie sicher als Marketingaufwendung auch noch von den Steuern absetzen.“

Pause.

„Heilige -censored- !“

„Die Sache ist so. Sie können aus Prinzip den Kerl an die Wand nageln. Kein Problem. Kostet Sie schlappe fünfundzwanzigtausend Dollar. Oder Sie sagen, leck’ mich, ich lege fünfzehntausend Dollar auf den Tisch des Hauses und freue mich, zehntausend Dollar gespart zu haben.“

„Beides große Scheiße!“

„Unbestritten.“

„Und? Was raten Sie mir?“

„Geld sparen, natürlich! Zahlen Sie dem -censored- zehntausend Dollar und gut ist.“



Auf diese Art trommelt der mit allen Wassern gewaschene Anwalt eines Gelegenheitstrinkers in Fort Worth / Texas insgesamt zweihundertfünfzigtausend Dollar für seinen Mandanten zusammen, die Hälfte davon als sein Honorar. Eine wahre Geschichte …


Herzliche Grüße,
Thomas

P.S.: Da die Geschichte in ihrem Wahrheitsgehalt getreu wiedergegeben wurde, bitte ich die censored’s zu entschuldigen …

P.S.: Die Eingangsaufnahme habe ich im „White Elephant“ in Fort Worth, TX, gemacht. Dem ältesten Saloon in den USA …

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Dienstag, 19. März 2013
Die Sommerzeit kommt ...



Verflucht!

OK, der Flieger war bereits beim Start spät dran gewesen. Und unterwegs aufgeholt hat er genau Null Zeit. Verstehe ich ja irgendwie. Aber das jetzt die Immigration auch noch derart knallvoll sein muss! Wie Schafe in Laufgittern stehen die Ankommenden vor der Passkontrolle, manche gelangweilt, viele genervt, aber alle alternativlos in ihr Schicksal ergeben.

Nervös schaue ich auf meine Uhr. Wie stets habe ich sie bereits beim Abheben in Frankfurt auf Ortszeit umgestellt.

Der Anschlussflieger nach Mobile geht pünktlich in zwanzig Minuten auf die Runway. Selbst wenn ein Wunder geschehen würde, die Schlange vor mir löst sich nicht in Wohlgefallen auf. Niemals! Dafür sorgen die Beamten der Immigration in Charlotte alleine schon durch die Abnahme der Fingerabdrücke! Das braucht alles ganz einfach viel zu lange!

Eine Ewigkeit vergeht.

So ein Mist!

Leise fluche ich in mich hinein. Noch fünfzehn Minuten bis zum Abheben meiner nächsten Maschine. Gefühlt habe ich in der Zwischenzeit keinen einzigen Meter an Boden gut gemacht.

Ich unterdrücke ein ausgiebiges Gähnen. Eigentlich mag ich diese Flüge in die USA, gen Westen. West is best, east is beast. Denn der Tag ist extrem lang und über den Wolken herrscht stets makelloser, blauer Himmel bei strahlendem Sonnenschein. Eben angenehm, mit der Zeit zu fliegen. Und wenn dann noch der Bordservice gut ist, dann lässt sich das Leben aushalten. Eigentlich.

Noch zehn Minuten bis zum Abheben des Anschlussfliegers! In Gedanken winke ich ihm bereits verträumt hinterher. Ein leichter Stoß von hinten. Kaum zu glauben, aber ich komme ein paar Schritte voran. Ein paar Schritte, wo Laufschritt angesagt wäre! Ich atme tief durch. Warte.

Jetzt hebt meine nächste Maschine gerade ab.

Und tschüss!

Ich sinke in mich zusammen. Jetzt ist der Rest auch egal. Vollkommen entspannt komme ich durch die Passkontrolle, scherze mit einem ausnahmsweise humorvoll veranlagten Beamten der Grenzkontrollen und hole meinen Koffer. Der Zoll möchte wieder einmal nichts von mir.

Mein nächster Weg führt mich zu einem Schalter der Fluggesellschaft. Ich fühle, wie ich langsam wieder auf Krawall gebürstet bin. Und dann: Ich fasse es nicht!

Schier ungläubig schaue ich diese Bedienstete an.

„I’ve been waitin’ for you, Sir.“

In freundlichem Tonfall erklärt sie mir unbeeindruckt, wo ich meinen Transport zu meinem Hotel für diese Nacht finde, welchen Flug sie morgen Früh bereits für mich gebucht und dass sie ein Taxi vom Hotel zurück zum Flughafen organisiert hat. Und wo ich noch ein anständiges Abendessen bekomme. Steaks. Kostet mich alles keinen Cent. Und unzumutbar süß sieht diese nette Airlineuniformierte auch noch aus!

„Sorry fort an early flight, Sir. But there is no other chance for tomorrow.“

Dieses Lächeln!

Verwirrt danke ich und ziehe von dannen.

Im Hotel gebe ich beim Einchecken den Auftrag, mich pünktlich um fünf Uhr zu wecken. Mein Flieger hebt um sieben ab, den will ich schließlich nicht auch noch verpassen. Langsam richtig müde werdend danke ich dem Mann an der Rezeption.

„You are welcome. I am happy to help, Sir!“

Ich weiß nicht warum, aber ich stutze und drehe mich noch einmal um. Ehrliches Grinsen auf dem Gesicht des Mannes, dominiert von strahlend weißen Zähnen im farbigen Gesicht.

„Have a good night, Sir!“

Die Nacht schlafe ich ausgezeichnet. Wie gesagt, west is best. Erst das Klingeln des Telefons weckt mich.

„Good morning, Sir. This is your wake-up call.”

Schlaftrunken sehe ich auf die Uhr. So ein Idiot! Die Anzeige verrät deutlich vier Uhr! Eine ganze Stunde zu früh! Ich sinke stöhnend auf mein Kopfkissen zurück. Penner!

Wieder dieses Telefon!

„Sir! The driver is waiting for you down here!”

Kann in diesem elenden Land denn niemand die Uhr lesen, verdammt?

„What’s the time?“

Meine Stimme klingt brüchig um diese Uhrzeit, klingt dadurch unfreundlich.

„Ten to six, Sir. We changed to daylight saving time last night.”

Schlagartig bin ich hellwach! Fuck! Die haben hier letzte Nacht die Uhren auf Sommerzeit umgestellt, während ich selig geschlafen habe!

Auf die Dusche verzichte ich, springe in meine Klamotten, haste runter, keine Zeit für mein geliebtes amerikanisches Frühstück, schmeiße mich in das Taxi. Den Flug bekomme ich gerade noch …

Warum erzähle ich diese Geschichte?

Ein paar Tage später reise ich nach Deutschland zurück. Gerade rechtzeitig, um an dem Umstellen der Uhren auf Sommerzeit teilnehmen zu dürfen. Zum zweiten Mal in diesem Frühjahr. Im Herbst mache ich die Umstellung auf Normalzeit mit. Einmal. In Deutschland.

Was mich jedes Jahr erneut im Frühjahr bei Umstellung der Uhren umtreibt ist die Frage, habe ich durch die doppelte Sommerzeitumstellung im Frühjahr und nur einfache Zurückstellung im Herbst eine Stunde meines Lebens verloren?

Schulden die Amerikaner mir eine Stunde Lebenszeit?

Kann ich die Herausgabe dieser Stunde verlangen?

Kann ich vielleicht sogar Zeitzinsen verlangen?

Wenn ja, wie viel?

Und vor allem, was würde ich mit dieser ungeahnt gewonnenen Zeit anstellen?

Fragen …



Liebe Grüße,
Thomas

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Dienstag, 5. März 2013
Konto verschwinden lassen. Aber wie?


Überlegungen zu folgender, durchaus berechtigter Frage eines guten Blogfreundes auf blog.de:

Wie kann ein Konto bei einer seriösen Bank einfach so verschwinden?

Gute Frage, oder?

Ich will die Antwort einmal so versuchen:

Angenommen, ein deutscher Spitzenpolitiker erkennt, dass er offensichtlich nach scheinbar unendlich langer Tätigkeit in seinem Amt den Zenit überschritten hat und sein Stern zu sinken beginnt. Nicht ausgeschlossen, dass er in nächster Zeit sein Amt sogar verliert. Der Wähler ist da, Gott sei es geklagt, unberechenbar.

Sagen wir einmal, dieser Spitzenpolitiker ist ein deutscher Kanzler. Nur so angenommen. Nennen wir ihn der Einfachheit halber K.

Wie jeder anständige Spitzenpolitiker, also nicht nur Brüderle, hat auch K. im Laufe seiner vielen, vielen Dienstjahre jede Menge Leichen im Keller angesammelt. Und Schlimmeres. Kann ja mal passieren, wenn man Spitzenpolitiker ist. Insbesondere bei einem so Machtvollen wie er es ist.

Was also tun?

Klar, aufräumen!

Final kann man Bundeslöschtage veranstalten. Damit auch alles wirklich weg ist, wenn der Nachfolger die Schränke aufmacht.

Und was ist mit den Dingen, die man nicht so einfach durch den Schredder schieben kann? Ein unliebsam gewordenes Bankkonto zum Beispiel?

Klar, muss auch weg!

Gesagt, getan.

Schneller Anruf bei seinem Zuarbeiter. Sagen wir einmal ein Kanzleramtsminister und nennen wir ihn S.

„Erinnerst Du Dich noch an das Bankkonto in Luxembourg“

„Welches der vielen Konten meinst Du denn?“

„Na, das, über das wir unter anderem die Stasikohle geschoben haben.“

„Ach das. Ja, ich erinnere mich.“

„Das muss verschwinden.“

„Verschwinden? Wie soll das Konto einfach verschwinden?“

„Das weiß ich doch nicht! Du bist doch der Experte für diese Dinge!“

Aufgelegt.

Am anderen Ende der Leitung wird gegrübelt. Dann S.’s Eingebung. Neuer Telefonanruf.

„Wir haben ein Problem.“

„Hallo, bist Du das, S.?“

„Ja. Wir haben ein Problem. Das Konto in Luxembourg, über das wir Stasikohle geschoben haben, muss verschwinden. Der Alte will das so.“

„Hmmm. Nicht einfach. Da werde ich unsere russischen Freunde einbinden müssen. Wir im BND können das nicht alleine.“

„Ist mir egal. Hauptsache, das Konto kommt weg.“

Aufgelegt.

Nachdenken, dann Anruf bei der SWR [ Anm.: Nachfolgeorganisation für die Auslandsaufklärung des 1991 aufgelösten KGB ].

„Kann ich Pr. sprechen?“

Warten, Pausenzeichen.

„Hier ist Pr.“

„Wir haben ein Problem. Erinnerst Du Dich an das Konto in Luxembourg? Das mit der Stasikohle?“

„Und ob, Brrrüderrrchen! Warrrrr das ein Spaß damals! Derrrr Vodka floss in Strrrrähmen und“ …

„Ja, ja. Schon gut. Das Konto muss weg.“

„Brrrrüderrrrchen, Brrrrüderrchen. Das gäht nicht so einfach.“

„Egal. Das Konto muss weg.“

„Ich wärrrde sähen, was ich maaachen kann.“

Aufgelegt.

Pr. sitzt in Russland vor seinem Telefon und siniert. Dann greift er grinsend zum Hörer und ruft seinen alten Weggefährten drei Straßen weiter an, der, sagen wir einmal, ungefähr das in Russland ist, was S. in Deutschland ist und heute russischer Spitzepolitiker. Der russische Spitzenpolitiker mit umfassender KGB-Erfahrung. Nennen wir ihn P. Ohne r.

„Hierrrr ist Prrrr. Die Deitschen haben ein Prrroblem. Wir sollen das Konto in Luxembourg beseitigen.“

„Wieso?“

„Keine Ahnung. Aberrr wenn wirrr es tun, dann schulden sie uns einen Gefallen.“

„OK. Ich kümmere mich darum.“

Aufgelegt.

Anruf P.s bei der Bank in Luxembourg.

„Hier ist P. Ich möchte mit Vorstandsprecher J. reden.“

„Selbstverständlich, Herr P. Aber bitte, gerne doch.“

Warten. Dann ist J. zu hören, leicht aus der Puste. P. lässt man eben ungern warten.

Extrem freundlicher Ton: „Ja, bitte? Was kann ich für Sie tun?“

Frostiger Ton: „Wir haben überprüfen gerade unsere Geldanlagen in Ihrer Bank. Überschauen Sie unsere Einlagen in Ihrem Haus?“

Leichte Nervosität bei J.

„Also, nicht so auf Anhieb. Aber ich kann eine exakte Aufstellung sofort“ …

„So ungefähr reicht mir.“

J. kommt ins Schwitzen, zerrt sich die Krawatte vom Hals und öffnet den obersten Knopf seines Hemdes.

„Nun, also, so ungefähr, ich denke eins Komma fünf Milliarden US-Dollar. Plus minus hundert Millionen.“

„Gut. Dann haben wir das geklärt.“

Hoffnungsfrohe Frage: „War es das?“

Belangloser Tonfall: „Ja. Das war es. Oder halt. Einen kleinen Gefallen können Sie mir noch tun.“

„Gerne. Für unsere besten Kunden sind wir stets da!“

„Es gibt da ein Konto in Ihrem Haus. Details lasse ich Ihnen zukommen. Es wäre mir äußerst lieb, wenn dieses Konto, nun sagen wir, nie existiert hätte.“

„Nicht existent. Sehr wohl. Ich werde alles Entsprechende veranlassen. Sofort.“

„Ich wusste, dass wir uns verstehen.“

Aufgelegt.

J. greift zum Telefonhörer.

„Ich will jetzt keine Fragen. Aber gleich bekommen Sie von mir Details zu einem Konto, das wir unverzüglich verschwinden lassen müssen. Dieses Konto hat es nie gegeben. Hören Sie?“

„Sehr wohl, Herr Generalvorstand. Wird erledigt.“

Jahre später taucht ein Mann in der Bank auf und legt einen Einzahlungsbeleg für dieses Konto auf den Tisch. Die Angestellte kommt ins Rotieren, im Hintergrund werden hektische Gespräche geführt.

„Der Kerl muss weg.“

„Das war mal einer von uns! Das geht bei dem nicht so einfach.“

„Dann schafft ihn mir anderweitig vom Hals!“

Seit dem peitscht mir Sturm in das Gesicht …

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Sonntag, 3. März 2013
Lust auf Hören?


Dann gibt es hier was auf die Ohren. Von mir ...

http://www.youtube.com/watch?v=Mwd95LiqmaI&feature=youtu.be

Viel Spaß!

Herzliche Grüße,
Thomas

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Freitag, 1. März 2013
Befreiung ...



Berlin, März 2011

Die beiden Männer in schwarzer Motorradkluft hatten ihre Helme unter die Arme geklemmt und ertrugen mit gesenktem Kopf Mischas Wutausbruch. Eine halbe Stunde lang mussten sie sich wie blutige Anfänger abkanzeln lassen, weil sie noch nicht einmal fähig waren …

Der Wutausbruch wurde durch das Klingeln eines abhörsicheren Funktelefons in Mischas Tasche unterbrochen.

„Ja“, bellte Mischa kurz in das Telefon, nachdem er das Gespräch angenommen hatte. Dann hörte er wortlos zu, wie berichtet wurde, dass Jim Valinsky in Sicherheit war.

Piotr und das Team in New York hatten den Transport, mit dem der frühere FBI-Agent in das ehemalige Trenton State und heutige New Jersey State Prison verlegt werden sollte, hollywoodreif gestoppt und den ehemaligen FBI-Mann daraus befreit. Die anderen vier Gefangenen des Transports hatten Piotrs Leute ungerührt unter schlimmsten Drohungen und übelsten Beschimpfungen in Handschellen zusammen mit der perplexen Wachmannschaft an den Transporter gefesselt. Außer Jim Valinsky konnte keiner der übrigen Schwerverbrecher entfliehen.

Dieses Vorgehen war von Mischa angeordnet worden, um die Aktion auf Jim Valinsky zu begrenzen. Psychopathische Gewalttäter, die zufällig mit auf dem Transport waren, sollten nicht von den übergeordneten Zielen der Gefangenenbefreiung profitieren. Diese dumpfen Typen sollten ruhig ihre verdiente Zeit im Knast absitzen.

Jetzt waren die an diesem Überfall Beteiligten gemeinsam mit Jim Valinsky über Kanada auf dem Weg nach Russland. Alles war planmäßig nach Mischas Anweisungen verlaufen, nachdem die angeheuerte Rechtsanwältin eine Verurteilung nicht hatte verhindern können. Alec Glovin hatte einmal mehr zugeschlagen. In Moskau würde er dem ehemaligen Special Agent des FBI einen heldenhaften Empfang bereiten.

Mischa beendete das Telefonat in deutlich gehobener Laune.

„Also, Ihr Idioten. Seht zu, dass dieser Mistkerl von Rechtsanwalt das nächste Mal nicht überlebt.“

Grinsend fügte er hinzu:

„Dann sind wir wieder Freunde!“

Erleichtert beeilten sich die beiden Männer, aus Mischas Gesichtsfeld zu verschwinden. Das nächste Mal würden sie bestimmt nicht versagen.

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Donnerstag, 28. Februar 2013
Globalisierung des Tötens Teil II



Rückblick, Moskau, August 2009

Das Wetter war typisch für diesen Monat. Heiß und kein Tropfen Regen fiel über Wochen hinweg. Wenn an manchen Tagen noch nicht einmal Wind ging, ließ es sich in der Stadt kaum aushalten. Die Menschen sehnten dann den kühlen Abend herbei und wer konnte, flüchtete am Wochenende aufs Land.

Die drei Männer ließen den Gorki Park rechts liegen und gingen langsamen Schritts die Pushkinskaya Naberezhnaya an der Moskwa entlang. Mischa sang leise vor sich hin.

“I follow the Moskva down to Gorky Park, listening to the wind of change.”

Er sah dabei auf den Fluss. Selbst das Wasser schien träge wie Blei zu fließen.

“Take me to the magic of the moment on a glory night. Where the children of tomorrow dream away in the wind of change.”

Kein anderes Lied auf der Welt beschrieb die Veränderungen in Osteuropa so einfühlsam, wie dieses Stück der Scorpions. Es war so etwas wie eine Hymne des Wandels geworden. Das erstaunliche daran war, dass ausgerechnet eine deutsche Rockband es geschafft hatte, die Gefühle so auf den Punkt zu bringen. Er mochte den Song. Das leicht Melancholische traf genau in seine russische Seele.

Da es keinen Grund gab, sich mehr anzustrengen als unbedingt notwendig, hatten die Männer es auch nicht eilig. Obwohl langsam die Kühle des Abends einsetzte. Sie waren schon genug in ihrem Leben gerannt.

Nach Sergeys Tod und damit dem erfolgreichen Abschluss des Einsatzes mit der Tarnbezeichnung „Sieg“ war Piotr von Mischa zur Berichterstattung in die Moskauer Zentrale beordert worden. Den Befehl ausführend hatte Piotr den nächsten verfügbaren Flug von New York über Amsterdam-Schiphol nach Moskau gebucht und traf zwei Tage später ein. Er war todmüde und litt heftig unter Jet Lag.

In der Zentrale hatte Mischa ihn zur Begrüßung wie einen guten, alten Freund in die Arme geschlossen, dann ein Stück weit von sich geschoben und ihn besorgt in Augenschein genommen.

„Piotr, Du siehst mitgenommen aus, mein Lieber. Komm, wir gehen etwas Trinken und dann ein Stück spazieren. Wir sind nicht mehr die Jüngsten.“

Nachdem sie das Gebäude verlassen hatten, schlugen sie den Weg zum Gorki Park ein. In einer Bar stieß kurz darauf ein Deutscher zu ihnen. Da sich Piotr und der Deutsche noch nicht kannten, stellte Mischa vor.

„Markus, das ist Piotr. Unser Mann, der an der Ostküste der USA die Aktionen leitet. Er ist hier, um uns zu berichten. In zwei Tagen fliegt er wieder nach New York zurück.“

Mit der Hand wedelte Mischa lässig zwischen den beiden Männern hin und her.

„Piotr, das ist Markus Burrhart. Markus ist Direktor der russischen Niederlassung eines großen deutschen Computerkonzerns hier in Moskau. Er war Oberst der Staatssicherheit bei unserem kleinen Bruder. Jetzt ist er der Kopf unserer deutschen Gruppe und sozusagen einer der Vordenker unseres gesamten Vorhabens.“

Die beiden Männer gaben sich die Hand. Die Chemie stimmte zwischen ihnen, das spürten sie auf Anhieb. Beide waren sie Profis, berechnend und kalt wie Hundeschnauze. Hatten sie erst einmal ein Ziel anvisiert, dann ließen sie nicht locker, bis es erreicht war. Sie wieder davon abzubringen, war schier unmöglich.

Wie üblich in Russland wurde der Wodka in Wassergläsern serviert. Der hochgradige Alkohol weckte ihre Lebensgeister und Mischa ließ eine weitere Runde sto gramm folgen. In deutlich gehobener Laune verließen sie die Bar.

Angeregt durch den Alkohol berichtete Piotr über die letzten Entwicklungen in New York, während sie den Gorki Park entlang schlenderten. Dann blieb der Park mit seinem geschäftigen Treiben langsam hinter ihnen zurück. Die beiden anderen Männer hörten Piotrs Bericht aufmerksam zu, nur Mischa stellte hin und wieder Fragen.

„Was bedeutet das für Jim Valinsky, wenn seine Gerichtsverhandlung von New Jersey nach New York verlegt wurde?“

„Erst einmal nichts. An den Sachverhalten hat sich nichts geändert. Auch nicht, was eine mögliche Strafe angeht. Schließlich hat er unbestritten den gerade von FBI Agenten festgenommenen Sergey vor aller Augen auf offener Straße erschossen.“

Mischa blinzelte in die tief stehende Sonne.

„Ich hatte nicht mit einem Gerichtsverfahren in New York gerechnet. Droht unserem Mann dort die Todesstrafe?“

„Nein. Im Jahr 2007 wurde die Todesstrafe in New Jersey abgeschafft und in New York gilt sie seit 2004 als verfassungswidrig. Faktisch ist sie damit außer Kraft gesetzt.“

„Was heißt das also?“

„Wenn unser Mann schuldig gesprochen wird, dann wird er für den Rest seines Lebens hinter Gitter müssen.“

„Wie groß ist die Aussicht, dass er schuldig gesprochen wird?“

„Schwer zu sagen. Die Anwältin, die wir für ihn engagiert haben, ist sich nicht sicher, ob sie ihn rauspauken kann. Der Staatsanwalt soll ein gerissener Hund sein, mit allen Wassern gewaschen.“

„Ist unsere Anwältin gut?“

„Ohne Zweifel eine der besten.“

„Sie soll sich anstrengen. Wenn sie es nicht schafft,
unseren Mann rauszuholen, dann tun wir es.“

Abrupt blieb Piotr stehen und sah Mischa entgeistert nach. Die Wirkung des Wodkas war schlagartig verflogen. Sie kannten sich lange, hatten schon viele gemeinsame Einsätze hinter sich gebracht. Aber manchmal zweifelte Piotr ernsthaft an Mischas Verstand.

„Ein Gefangenenaustausch? Politisch völlig unvorstellbar! Dann müssten wir zugeben, dass wir auch heute noch, lange nach dem Ende des kalten Krieges, weiterhin Leute auf unserer Gehaltsliste im amerikanischen Polizeidienst und sonst wo haben.“

Mischa und Markus Burrhart blieben ebenfalls stehen und drehten sich zu Piotr um. Mischa grinste breit.

„Sei nicht so naiv! Das wissen die Amerikanski sowieso. Genauso, wie wir wissen, dass in Moskau welche von uns für die Amerikanski arbeiten. Aber wer sagt denn, dass wir ihn austauschen?“

Entgeistert streckte Piotr die Arme von sich.

„Wir sollen unseren Mann aus einem Gefängnis der USA holen? Sozusagen unter den Augen des FBI?“

„Unser Mann kommt frei. Er wird auf keinen Fall in einem amerikanischen Gefängnis vermodern. Entweder holt die Anwältin ihn raus oder wir machen es.“

Mischa zwinkerte Piotr zu, drehte sich wieder um und ging langsam weiter. Die beiden anderen Männer trotteten hinterher. Vorerst schien sich das Thema für Mischa erledigt zu haben. Leise hörten sie ihn singen:

„The wind of change blows straight into the face of time”…

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