Montag, 25. Februar 2013
Schwarzgeldkonto ...



„Was kann ich für Sie tun?“

Sie faltete ihre Hände auf der Tischplatte und erinnerte ihn ein wenig an eine Grundschülerin, die besonders brav im Unterricht wirken wollte.

„Vielen Dank, dass Sie Zeit für mich haben. Ich freue mich auch, dass ich Sie gefunden habe, denn eigentlich hatte ich die Banque Internationale a Luxembourg gesucht.“

Er erwartete, dass sie aufgrund seiner Bemerkung nun erläutern würde, wieso es diese Bank nicht mehr gab und er stattdessen in der ‚Dexia‘ war. Aber weit gefehlt. Sie machte keinerlei Anstalten, diesen Umstand zu erklären. Also fuhr er fort:

„Ich habe folgendes Anliegen. Am dritten Oktober 1989 wurde bei der Banque Internationale a Luxembourg ein Nummernkonto eingerichtet.“

Dirk fischte aus seiner Anzugstasche die Einzahlungsquittung und gab sie an Vanessa E. Diese nahm sie und warf einen kritischen Blick darauf.

„Das Konto wurde damals von“ …

Er wollte automatisch Lutz Schulenburg sagen, unterbrach sich aber in letzter Sekunde. Zum Zeitpunkt der Kontoeröffnung hatte Lutz weiß Gott wie geheißen.

„Das Konto wurde damals von einem deutschen Staatsbürger aufgemacht. Können Sie mir Auskunft zu diesem Konto geben?“

Sie lächelte ihn unverbindlich an. Diese Art zu Lächeln schien den Angestellten hier antrainiert worden zu sein.

„Verzeihen Sie bitte, aber so ohne weiteres aufgrund eines Einzahlungsbeleges von vor so langer Zeit kann ich nichts sagen. Wenn das Konto damals als ein Nummernkonto angelegt wurde, dann muss zu dem Konto auch ein Kennwort existieren. Ist Ihnen das Kennwort bekannt?“

Sie sah ihn fragend an.

„Ja, ich kenne das Kennwort.“

„Gut.“

Sie lächelte wieder unverbindlich.

„Wenn Sie die Nummer und das Kennwort haben, dann kann ich heraussuchen, was wir zu dem Konto haben. Die Nummer kann ich dem Einzahlungsschein entnehmen. Wie lautet das Kennwort bitte?“

Dirk nannte das Kennwort. Er lehnte sich vor und wartete gespannt auf ihre Reaktion. Als ob dessen bloße Nennung bei seiner Gesprächspartnerin ausgesprochene Hektik verursachen musste. Oder war es etwa das falsche Kennwort?

„Gut.“

Vanessa E. war vollkommen unbeeindruckt. Vielleicht kennt sie auch nicht die Namen ehemaliger deutscher Kanzler, überlegte er.

Sie stand auf und setzte sich an einem kleinen Nebentisch vor einen Bildschirm. In die Konsole tippte sie die Kontonummer ein und wartete. Dann tippte sie noch eine Reihe weitere Abfragen ein und wartete wieder. Dann griff sie mit erstauntem Gesichtsausdruck zu einem Telefonhörer neben sich, wählte eine Kurzwahl und sprach sehr leise mit jemandem am anderen Ende der Leitung in einem unverständlichen Singsang. Es klang wie eine Mischung aus französisch und holländisch. Dirk hörte zum ersten Mal in seinem Leben Letzebuergesch.
Sie legte den Telefonhörer auf.

„Geben Sie mir bitte ein paar Minuten. Ich muss nur kurz in unser Archiv. In der Zwischenzeit bedienen Sie sich bitte ohne Zwang bei den Getränken.“

Dirk blieb alleine im Besprechungsraum zurück. Innerlich war er auf alles gefasst. Er rechnete sogar mit der Möglichkeit, dass an Stelle der unverbindlich lächelnden Vanessa E. ein Trupp Polizisten in den Raum stürmen und ihn festnehmen würde. Er wusste nicht, warum auch dieses Szenario in seinem Kopf war. Aber es war da.

Wesentlich länger als ein paar Minuten dauerte es, bis Vanessa E. zurückkam. Trotz der weit herunter geregelten Klimaanlage stand Schweiß auf seiner Stirn, als sie endlich mit einem dünnen Aktendeckel unter ihrem Arm wieder den Raum betrat.

„Sie haben sich ja gar nicht bei den Getränken bedient.“

Tadelnd blickte sie ihn an und setzte sich wieder an den Tisch, den Aktendeckel vor sich. Sie konnte nicht ahnen, dass ihm in den letzten Minuten nicht wirklich nach einem kalten Getränk oder Kaffee gewesen war.

„Es ist schon lange her, dass eine Bewegung auf diesem Konto stattfand“, erklärte sie entschuldigend. „Daher musste ich auch noch in die Registratur.“

Sie schlug den Aktendeckel auf. Dirk stockte der Atem.

„Was ich Ihnen sagen kann ist, dass das Konto eröffnet wurde und auch Bewegungen stattgefunden haben müssen. Dann erfolgte ein Eintrag am fünfzehnten Februar 1997 und seit dem ist das Konto“, sie schien nach Worten zu suchen, „also seit diesem Tag ist das Konto, wie soll ich sagen, seit diesem Tag ist das Konto einfach nicht mehr da.“
Sie sah aus, als ob sie eine große Schuld gebeichtet hätte und jetzt darüber Erleichterung empfand, dass es endlich ausgesprochen war.

Dirk war verwirrt. Erst war die Bank nicht mehr da und jetzt war das Konto nicht mehr da.

„Wie meinen Sie das, das Konto ist nicht mehr da?“

„Na ja, so wie ich sage. Das Konto ist nicht mehr da.“

Sie wirkte verlegen.

„Hat jemand das Konto aufgelöst?“

„Nein, eigentlich nicht.“

Dirk wurde ungeduldig.

„Was heißt eigentlich nicht?“

Sie gab sich merklich einen Ruck.

„Also, zuerst habe ich ihr Konto in unserem System auf dem Bildschirm gesucht, es aber nicht gefunden. Das Konto gibt es bei uns also nicht. Da Sie aber einen Einzahlungsbeleg für das Konto besitzen, musste es folglich irgendwann einmal existiert haben. Daher war ich gerade in unser Archiv gegangen. Dort habe ich aber auch nichts gefunden. Also bin ich dann in unsere Registratur gegangen und habe in den alten Journalen der Banque Internationale a Luxembourg nachgesehen. Dort habe ich die Bestätigung gefunden, dass das Konto tatsächlich, so wie von Ihnen gesagt, an dem besagten Tag bei der Banque Internationale a Luxembourg von unserem Mitarbeiter angelegt wurde.“

Sie machte eine Pause und sah Dirk offen an. Er saß wie versteinert und versuchte zu verstehen.

„Das Konto war nicht auf den Status inaktiv gesetzt. Also mussten Bewegungen auf dem Konto gewesen sein. Nur Konten, die lange Zeit keine Bewegung aufweisen, werden auf inaktiv gesetzt. Und wenn sie dann lange genug als inaktiv geführt wurden, dann dürfen wir solche Konten löschen. Ihr Konto war nicht auf inaktiv gesetzt.“

„Aber die Bank hat trotzdem irgendwie das Konto gelöscht?“

„Nein.“

Dirks Verwirrung verstärkte sich.

„Wenn die Bank das Konto gelöscht hätte, dann wäre ein entsprechender Vermerk zu dem Konto vorhanden. Ich hätte dann das Konto mit diesem Vermerk in unserem System auf dem Bildschirm gesehen. Und das Konto war nicht auf inaktiv gesetzt, wie ich bereits sagte. Also mussten Bewegungen da gewesen sein.“

Sie dachte nach.

„Ein aktives Konto löscht die Bank nie, auf keinen Fall.“

Sie machte wieder eine Pause, dachte erneut nach, und Dirk schien es, als ob er gefoltert würde.

„Wenn ein Kunde das Konto gelöscht hätte, dann wäre auch ein entsprechender Vermerk zu dem Konto vorhanden, den ich bei der Abfrage auf dem Bildschirm hätte sehen müssen.“

Vanessa E. wirkte jetzt vollkommen hilflos.

„Ich kann auch keinerlei Bewegung auf dem Konto nachvollziehen. Nichts. Kein einziger Eintrag ist mehr vorhanden. Ich habe mir extra auch noch die alte Akte mit den Papierdokumenten geholt.“

Sie wies auf den Aktendeckel vor sich.

„Ab dem fünfzehnten Februar 1997 scheint es, als ob sich das Konto“, sie machte wieder eine Pause und blätterte hilflos in den wenigen Seiten der Mappe vor sich. „Es ist so, als ob sich das Konto in Luft aufgelöst hat.“

Dirk bemühte sich zu verstehen, was Vanessa E. ihm mitzuteilen versuchte.

„Also, Sie sagen, dass das Konto 1989 eröffnet wurde und es jetzt folgende Möglichkeiten gibt. Erstens, das Konto wurde nie genutzt, es waren also keine Bewegungen auf dem Konto. Dann wäre das Konto irgendwann in den Status inaktiv gesetzt worden und nach ein paar Jahren gelöscht. Diese Löschung würden Sie aber mit einem entsprechenden Vermerk nachvollziehen können. Diesen Vermerk gibt es aber nicht, daher hatte das Konto nicht den Status inaktiv, daher musste es genutzt worden sein. Richtig?“

„Richtig.“

„Zweitens, das Konto wurde genutzt, dann wurde es aber von der Bank auf keinen Fall gelöscht. Sondern nur, wenn der Kunde es gewünscht hätte. Aber auch in einem solchen Fall hätten Sie das Konto als gelöscht mit einem entsprechenden Vermerk gefunden. Richtig?“

„Richtig.“

Sie fühlte sich zunehmend unwohler in ihrer Haut.
„Aber das Konto ist weder von der Bank, noch vom Kunden gelöscht. Richtig?“

„Richtig.“

„Trotzdem ist das Konto nicht da, wie Sie sagen. Wie kann das sein? Und wo sind die Unterlagen, die die einzelnen Bewegungen nachvollziehbar machen?“

„Ich weiß es nicht.“

Sie bemühte sich um Fassung.

„Es gibt in unserem alten Journal nur die Eröffnung und einen Eintrag vom fünfzehnten Februar 1997.“
„Was war denn am fünfzehnten Februar 1997?“
„Auch das kann ich Ihnen nicht sagen.“
Sie war jetzt sichtlich am Boden zerstört.
„Ich kann lediglich sehen, dass das Konto am fünfzehnten Februar 1997 angesprochen wurde in unserem EDV-System. Wir haben in 1999 unsere Software gewechselt und da wurde das Konto schon nicht mehr mit rüber gezogen. Es war ab dem besagten Tag in 1997 einfach nicht mehr da.“

„Wer hat denn das Konto angesprochen, wie Sie es nennen?“

„Auch das kann ich Ihnen nicht sagen. Es ist einfach keine Information dazu hinterlegt.“

Vanessa E. rang um ihre Fassung. Ein Konto, das so einfach verschwand, gab es ganz einfach nicht in ihrer Bank. Und doch schien es so. Dirk spürte, wie er langsam ungehalten wurde.

„Das darf doch nicht wahr sein! Was können Sie mir denn sonst noch sagen?“

„Leider nichts mehr. Ich habe Ihnen alles gesagt, was wir zu diesem Konto wissen.“

Sie flüchtete sich jetzt in ihr unverbindliches Lächeln. Dirk stand auf.

„Dann danke ich Ihnen trotzdem sehr herzlich.“

Ihm war klar geworden, dass er bei Vanessa E. mit weiteren Fragen auch nicht mehr erreichen würde. Vielleicht sollte er sich doch vertrauensvoll an Ralf Martens wenden? Der hatte schließlich großspurig angeboten, sich für illegale Transaktionen in die Server der Bank von England einzuloggen. Wenn Ralf das ernsthaft konnte, warum sollte er sich dann nicht auch illegal in diese Luxembourger Bank einloggen können? Genauso schnell wie der Gedanke an Ralf gekommen war, so schnell verwarf Dirk ihn auch wieder.

Er verabschiedete sich und verließ das Besprechungszimmer. Im Hinausgehen glaubte er auf Vanessa E.s Gesicht ablesen zu können, dass sie sich äußerst unwohl in ihrer Haut fühlte, aber sich bemühte, alles mit diesem unverbindlichen Lächeln zu überdecken.

Beim Durchqueren des Schalterraums traf ihn fast der Schlag. Da stand nahe am Ausgang der Mann von vorhin. Das Poloshirt war eindeutig. Dirk konnte es beschwören. Es war derselbe Mann …

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