Mittwoch, 27. Februar 2013
Richterliche Arroganz
thomas-christian, 10:52h

Rückblick, New York, August 2009
„Setzen Sie sich.“
„Danke, Euer Ehren.“
Der Staatsanwalt, US Attorney Alec Glovin, setzte sich auf den zugewiesenen Platz am Tisch im Büro der ehrenwerten Richterin am US District Court, Southern District of New York, Manhattan, Michelle Moore. Er war nicht das erste Mal in diesem Büro, trotzdem wirkten die schweren Möbel in diesem geschichtsträchtigen Raum beklemmend auf ihn. Nach dem siegreichen Unabhängigkeitskrieg der USA war dieses Gericht 1789 als eines der ersten überhaupt unter dem Judiciary Act der neuen Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika entstandenen.
Alec Glovin war zweiundfünfzig Jahre alt, hoch aufgeschossen und wirkte schlaksig. Er bevorzugte graue Anzüge, die stets eine Nummer zu groß zu sein schienen, und genoss höchsten Respekt in Anwaltskreisen. Er stand in dem Ruf, ein beinharter Ankläger zu sein, der auch aus schwachen Positionen heraus erfolgreich war. Geschworene neigten dazu, ihm in seinen Argumentationen zu folgen und ließen sich von ihm überzeugen. In einer Vielzahl von Fällen hatte er Verurteilungen erreicht, obwohl zu Prozessbeginn der Angeklagte sich nach Beendigung des Verfahrens bereits als freien Mann wähnte.
Michelle Moore war ebenfalls Anfang fünfzig, leicht untersetzt und entsprach dem Prototyp der amerikanischen Richterin, selbstsicher und jederzeit Herrin des Geschehens in ihrem Gerichtssaal. Sie bekleidete das Amt der Richterin an diesem District Court seit knapp fünfzehn Jahren und galt im Kollegenkreis als fair, wenn gleich auch häufiger mit dem Hang zur Begünstigung der vermeintlich Schwächeren. Ein Fehlurteil konnte ihr aber in all den Jahren nicht nachgewiesen werden. Zudem war sie eine ausgewiesene Frauenrechtlerin, was sie durch energisches Auftreten zu unterstreichen pflegte.
Der Staatsanwalt war nicht überschwänglich begeistert gewesen, als er gehört hatte, dass Michelle Moore für seinen Fall zuständig war. Aber er fand, es hätte auch schlimmer kommen können.
Die Richterin beobachtete, wie Alec Glovin einen Stoß Papiere aus seiner Tasche nahm und ihn vor sich auf den Tisch legte.
„Das FBI hat die Untersuchungen im Fall des illegalen Datentransfers bei Goodman Stachs weitgehend abgeschlossen. In Verbindung damit wurde auch der Tod des Hauptverdächtigen untersucht. Der Mann hieß Sergey“…
„Ich habe die Akte gelesen“, unterbrach ihn Michelle Moore ungehalten. Der ursprünglich ihr übertragene Fall behandelte ausschließlich den illegalen Datentransfer bei Goodman Stachs. Die Angelegenheit schien unkompliziert und versprach eine Menge Publicity. Etwas, was ganz nach ihrem Geschmack war. Als der Chief Judge des Courts, der ehrenwerte Bernard A. Maldwin, ihr mitgeteilt hatte, dass das Verfahren wegen der Tötung des Hauptverdächtigen im Fall Goodman Stachs aufgrund der vermuteten Zusammenhänge ebenfalls auf ihre Kammer übertragen werden sollte, obwohl der tödliche Schuss in Newark und damit auf dem Gebiet des Staates New Jersey gefallen war, hatte sie ihn um ein Gespräch unter vier Augen gebeten. Ihre Kammer war ohnehin bereits vollkommen überlastet und diese Ausweitung des Falls roch nur nach einer Menge zusätzlicher Arbeit für Sie. Sonst nichts. Aber der Chief Judge war hart geblieben. Beide Fälle hatten in ihrer Kammer verhandelt zu werden.
Michelle Moores schlechte Laune blieb Alec Glovin nicht verborgen und er wollte diese Besprechung so schnell wie möglich hinter sich bringen.
„Ja, Euer Ehren. Dann wissen Sie ja, dass ich gar keine andere Wahl habe, als Anklage zu erheben gegen FBI Special Agent Jim Valinsky wegen Mordes an dem Hauptverdächtigen im Fall Goodman Stachs.“
Michelle Moores Laune hatte sich um keinen Deut gebessert.
„Ziemlich dünnes Eis, auf das Sie sich da begeben, kann ich Ihnen nur sagen. Wenn Sie den Geschworenen nicht mehr präsentieren können als das, was ich in den Akten habe, dann gehen Sie baden.“
Er war absolut vom Gegenteil überzeugt, hielt es aber für klüger, die Anmerkung der Richterin zu ignorieren und fuhr fort:
„Die weiteren Ermittlungen haben ergeben, dass die illegal kopierten Source-Codes über einen Host in Deutschland, genauer gesagt in München, auf einen Rechner in London geleitet wurden. Dort haben wir die Daten sicherstellen können in Zusammenarbeit mit der UK SOCA, also der United Kingdom Serious Organised Crime Agency. Die SOCA-Leute haben wiederum ihre UK FIU, also die Financial Intelligence Unit, eingebunden. Wenn man den Protokollen der UK FIU zu den Verhören des Betreibers und ihren kriminaltechnischen Untersuchungen dieses subversion hosting in London glauben darf, dann wurden die Daten von diesem Server in London nicht weitergeleitet.“
Alec Glovin wühlte in den Papieren vor sich. Michelle Moore wurde zunehmend ungeduldig. Sie klang gereizt.
„Ich sagte bereits, dass ich die Akte gelesen habe, Mister Glovin.“
„Einen Augenblick, bitte, Euer Ehren. Hier habe ich es.“
Alec Glovin reichte der Richterin ein Dokument.
„Das hier ist neu. Eine Kopie der Verhörprotokolle des Betreibers des Servers in London. Und hier“, er reichte Michelle Moore weitere Dokumente rüber, „sind die Aussagen der zuständigen Mitarbeiter von Goodman Stachs in New York. FBI-Leute haben die Verhöre geführt. Die Aussagen sind mit Datum und Unterschrift der Befragten versehen.“
Michelle Moore überflog die Seiten.
„Was sollen mir diese Protokolle sagen?“
„Euer Ehren, wenn wir nun davon ausgehen, dass diese Befragten die Wahrheit sagen, und wir können davon ausgehen, dass sie das tun, dann müssen wir zu dem Schluss kommen, dass wir zwar die Software in London sichergestellt haben, tatsächlich aber noch eine weitere Kopie der Dateien in Deutschland verblieben ist. Und wenn das stimmt, dann haben wir ein Problem.“
Die Richterin fixierte Alec Glovin jetzt, die Augen fast zu Schlitzen geschlossen.
„Dann stellen Sie fest, was da in Deutschland passiert ist.“
„Das ist nicht so einfach, Euer Ehren. Wir haben gemeinsam mit den zuständigen Behörden in Deutschland, dem Bundeskriminalamt in Wiesbaden und Berlin, das Unternehmen in München, über dessen Server die Daten ebenfalls gelaufen sind, bereits überprüft.“
Er machte eine Pause, um die Schwere seiner Feststellung zu unterstreichen.
„Wir haben aber nichts gefunden. Rein gar nichts. Das Protokoll des sendenden Rechners von Goodman Stachs beweist eindeutig, dass ein Rechner in diesem besagten deutschen Unternehmen angesprochen wurde. Es war sogar extra ein Ping ausgesandt worden, um die Leitung zu prüfen. Der Ping wurde mit Sicherheit aus Deutschland beantwortet. Aber das ist auch schon alles, was wir sagen können.“
Alec Glovins Stimme bekam fast einen beschwörenden Unterton, als er weiter sprach.
„Es geistert da draußen mit großer Wahrscheinlichkeit die Kopie einer Software rum, mit der ein Insider sich an einer Börse in den computergesteuerten Hochfrequenzhandel mit Wertpapieren einklinken kann. Das zu können heißt auch, den Handel manipulieren zu können. Den Handel manipulieren zu können heißt auch, auf einen Markt, auf dem geschätzt mehr Geld fließt, als die meisten Staaten dieser Welt zusammen aufbringen können, zerstörerisch einwirken zu können. Und ein erfolgreicher Angriff auf die Finanzmärkte dieser Welt wäre ein Angriff auf unsere Zivilisation, so wie wir sie kennen. Die Folgen wären nicht abzusehen, nur eines können wir mit Gewissheit sagen. Nine Eleven, der Einsturz der Türme des World Trade Centers in New York am elften September 2001 war eine Katastrophe für die USA, aber ein Zusammenbruch der Finanzmärkte würde ein Inferno sein für alle Industrienationen! Ganze Staaten würden Bankrott erklären müssen, Anarchie würde sich weltweit ausbreiten!“
Alec Glovin legte noch eine Pause ein, bevor er weiter sprach.
„Wenn Sie mich fragen, Euer Ehren, dann haben wir es hier mit der ernsthaftesten Gefahr für die Existenz der Vereinigten Staaten von Amerika und der ganzen zivilisierten Welt zu tun, mit der wir jemals konfrontiert waren!“
Zum Entsetzen von US Attorney Alec Glovin winkte Michelle Moore desinteressiert ab.
„Wenn das stimmen sollte, was Sie sagen, Mister Glovin, wovon ich übrigens nicht ausgehe, dann müsste ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, damit diese Software in Deutschland wieder aufgetrieben wird. Dann wäre sogar die Regierung in Washington zu informieren. Ich werde mich aber zum jetzigen Zeitpunkt mit einer derart abenteuerlichen Geschichte nicht lächerlich machen. “
Damit war die Sitzung beendet.
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