Donnerstag, 28. Februar 2013
Globalisierung des Tötens Teil II
thomas-christian, 11:28h

Rückblick, Moskau, August 2009
Das Wetter war typisch für diesen Monat. Heiß und kein Tropfen Regen fiel über Wochen hinweg. Wenn an manchen Tagen noch nicht einmal Wind ging, ließ es sich in der Stadt kaum aushalten. Die Menschen sehnten dann den kühlen Abend herbei und wer konnte, flüchtete am Wochenende aufs Land.
Die drei Männer ließen den Gorki Park rechts liegen und gingen langsamen Schritts die Pushkinskaya Naberezhnaya an der Moskwa entlang. Mischa sang leise vor sich hin.
“I follow the Moskva down to Gorky Park, listening to the wind of change.”
Er sah dabei auf den Fluss. Selbst das Wasser schien träge wie Blei zu fließen.
“Take me to the magic of the moment on a glory night. Where the children of tomorrow dream away in the wind of change.”
Kein anderes Lied auf der Welt beschrieb die Veränderungen in Osteuropa so einfühlsam, wie dieses Stück der Scorpions. Es war so etwas wie eine Hymne des Wandels geworden. Das erstaunliche daran war, dass ausgerechnet eine deutsche Rockband es geschafft hatte, die Gefühle so auf den Punkt zu bringen. Er mochte den Song. Das leicht Melancholische traf genau in seine russische Seele.
Da es keinen Grund gab, sich mehr anzustrengen als unbedingt notwendig, hatten die Männer es auch nicht eilig. Obwohl langsam die Kühle des Abends einsetzte. Sie waren schon genug in ihrem Leben gerannt.
Nach Sergeys Tod und damit dem erfolgreichen Abschluss des Einsatzes mit der Tarnbezeichnung „Sieg“ war Piotr von Mischa zur Berichterstattung in die Moskauer Zentrale beordert worden. Den Befehl ausführend hatte Piotr den nächsten verfügbaren Flug von New York über Amsterdam-Schiphol nach Moskau gebucht und traf zwei Tage später ein. Er war todmüde und litt heftig unter Jet Lag.
In der Zentrale hatte Mischa ihn zur Begrüßung wie einen guten, alten Freund in die Arme geschlossen, dann ein Stück weit von sich geschoben und ihn besorgt in Augenschein genommen.
„Piotr, Du siehst mitgenommen aus, mein Lieber. Komm, wir gehen etwas Trinken und dann ein Stück spazieren. Wir sind nicht mehr die Jüngsten.“
Nachdem sie das Gebäude verlassen hatten, schlugen sie den Weg zum Gorki Park ein. In einer Bar stieß kurz darauf ein Deutscher zu ihnen. Da sich Piotr und der Deutsche noch nicht kannten, stellte Mischa vor.
„Markus, das ist Piotr. Unser Mann, der an der Ostküste der USA die Aktionen leitet. Er ist hier, um uns zu berichten. In zwei Tagen fliegt er wieder nach New York zurück.“
Mit der Hand wedelte Mischa lässig zwischen den beiden Männern hin und her.
„Piotr, das ist Markus Burrhart. Markus ist Direktor der russischen Niederlassung eines großen deutschen Computerkonzerns hier in Moskau. Er war Oberst der Staatssicherheit bei unserem kleinen Bruder. Jetzt ist er der Kopf unserer deutschen Gruppe und sozusagen einer der Vordenker unseres gesamten Vorhabens.“
Die beiden Männer gaben sich die Hand. Die Chemie stimmte zwischen ihnen, das spürten sie auf Anhieb. Beide waren sie Profis, berechnend und kalt wie Hundeschnauze. Hatten sie erst einmal ein Ziel anvisiert, dann ließen sie nicht locker, bis es erreicht war. Sie wieder davon abzubringen, war schier unmöglich.
Wie üblich in Russland wurde der Wodka in Wassergläsern serviert. Der hochgradige Alkohol weckte ihre Lebensgeister und Mischa ließ eine weitere Runde sto gramm folgen. In deutlich gehobener Laune verließen sie die Bar.
Angeregt durch den Alkohol berichtete Piotr über die letzten Entwicklungen in New York, während sie den Gorki Park entlang schlenderten. Dann blieb der Park mit seinem geschäftigen Treiben langsam hinter ihnen zurück. Die beiden anderen Männer hörten Piotrs Bericht aufmerksam zu, nur Mischa stellte hin und wieder Fragen.
„Was bedeutet das für Jim Valinsky, wenn seine Gerichtsverhandlung von New Jersey nach New York verlegt wurde?“
„Erst einmal nichts. An den Sachverhalten hat sich nichts geändert. Auch nicht, was eine mögliche Strafe angeht. Schließlich hat er unbestritten den gerade von FBI Agenten festgenommenen Sergey vor aller Augen auf offener Straße erschossen.“
Mischa blinzelte in die tief stehende Sonne.
„Ich hatte nicht mit einem Gerichtsverfahren in New York gerechnet. Droht unserem Mann dort die Todesstrafe?“
„Nein. Im Jahr 2007 wurde die Todesstrafe in New Jersey abgeschafft und in New York gilt sie seit 2004 als verfassungswidrig. Faktisch ist sie damit außer Kraft gesetzt.“
„Was heißt das also?“
„Wenn unser Mann schuldig gesprochen wird, dann wird er für den Rest seines Lebens hinter Gitter müssen.“
„Wie groß ist die Aussicht, dass er schuldig gesprochen wird?“
„Schwer zu sagen. Die Anwältin, die wir für ihn engagiert haben, ist sich nicht sicher, ob sie ihn rauspauken kann. Der Staatsanwalt soll ein gerissener Hund sein, mit allen Wassern gewaschen.“
„Ist unsere Anwältin gut?“
„Ohne Zweifel eine der besten.“
„Sie soll sich anstrengen. Wenn sie es nicht schafft,
unseren Mann rauszuholen, dann tun wir es.“
Abrupt blieb Piotr stehen und sah Mischa entgeistert nach. Die Wirkung des Wodkas war schlagartig verflogen. Sie kannten sich lange, hatten schon viele gemeinsame Einsätze hinter sich gebracht. Aber manchmal zweifelte Piotr ernsthaft an Mischas Verstand.
„Ein Gefangenenaustausch? Politisch völlig unvorstellbar! Dann müssten wir zugeben, dass wir auch heute noch, lange nach dem Ende des kalten Krieges, weiterhin Leute auf unserer Gehaltsliste im amerikanischen Polizeidienst und sonst wo haben.“
Mischa und Markus Burrhart blieben ebenfalls stehen und drehten sich zu Piotr um. Mischa grinste breit.
„Sei nicht so naiv! Das wissen die Amerikanski sowieso. Genauso, wie wir wissen, dass in Moskau welche von uns für die Amerikanski arbeiten. Aber wer sagt denn, dass wir ihn austauschen?“
Entgeistert streckte Piotr die Arme von sich.
„Wir sollen unseren Mann aus einem Gefängnis der USA holen? Sozusagen unter den Augen des FBI?“
„Unser Mann kommt frei. Er wird auf keinen Fall in einem amerikanischen Gefängnis vermodern. Entweder holt die Anwältin ihn raus oder wir machen es.“
Mischa zwinkerte Piotr zu, drehte sich wieder um und ging langsam weiter. Die beiden anderen Männer trotteten hinterher. Vorerst schien sich das Thema für Mischa erledigt zu haben. Leise hörten sie ihn singen:
„The wind of change blows straight into the face of time”…
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